Beim Budo SV Kalletal kommen alle ins Schwitzen

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  • 12. Oktober 2016

Ein Artikel von Till Brand aus der Lippischen Landeszeitung

Hoch das Bein: LZ-Redakteur Till Brand (links) übt mit Trainingspartner Florian Teigeler einige Karatetechniken. (© Lippische Landeszeitung)

Der Bauchmuskelkater wird mich Tage begleiten… Doch als Florian Teigeler nach kurzem Sprint vor mir abstoppt, ahne ich davon noch nichts. Vollbremsung. Ansatzloser Schlag in den Medizinball, den ich an mich presse. Scharfer Kampfschrei. In mir: Anspannung pur, um die Wucht des Hiebs abzufedern. Wechsel. Ich werfe den Ball zu Florian. Laufe. Stoppe. Schlage. Schreie.

Nach eineinhalb Stunden Karate-Training beim Budo SV Kalletal weiß ich spätestens, was ich getan habe. Doch schon das Zirkeltraining zum Aufwärmen hat es in sich. Arme, Beine, Bauch und Rücken sehnen sich bereits nach einer langen, heißen Dusche – doch da geht der Spaß erst richtig los. Und wie er los geht…

Wer beim Kampfsport an Jugendliche denkt, die sich prügeln, ist hier falsch. Disziplin und ein Training, das keine Muskelgruppe am Körper vernachlässigt, zeichnen Karate aus, wie es die Kalletaler in der Sporthalle in Hohenhausen regelrecht zelebrieren. Altersgrenzen gibt es so gut wie keine – hier trainieren Grundschüler neben 60-Jährigen.

Und manchmal eben auch ein LZ-Redakteur, der sonst seine einsamen Joggingrunden zieht, aber Trizeps und Bizeps dabei keine besondere Beachtung schenkt. Das rächt sich spätestens bei den Klimmzügen, für die Vereinsvorsitzender Julian Puls extra die Ringe von der Hallendecke lässt.

Zur Ruhe kommen: Trainer Rudolf Schmittmann zeigt den Teilnehmern verschiedene Tai-Chi-Übungen . (© Till Brand)

Doch als die Muskeln erst einmal auf Betriebstemperatur sind, macht das Karatetraining ungeheuren Spaß. Zur Begrüßung schließt meine Gruppe, Trainer Michael Schilling zugewandt, die Augen. Schon nach zehn Sekunden stellt sich eine himmlische Ruhe ein – auch innerlich. Michael lässt eine gefühlte Ewigkeit verstreichen – gut fühlt sich das an. „Nach einem harten Arbeitstag ist Karate das Richtige zum Abschalten“, ist SV-Vorsitzender Julian Puls überzeugt. Ich gebe ihm Recht.

Jeder Schlag in den Medizinball, der in die Magengrube drängt, jeder Tritt, den ich über den Kopf von Sparringspartner Florian Teigeler ziehe, tut gut. Gut für den Kopf sei das Training sowieso, meint Jugendwartin Christin Görtler.

Um sich Gürtel um Gürtel nach oben zu arbeiten, müssen die Karateka komplizierte Abläufe kennen, die aus Tritten, Schlägen und Bewegungen bestehen – ohne Gegner beim Schattenkampf, mit Gegner oder einer ganzen Reihe.
„Mit der Zeit wird der Sport immer komplexer“, sagt der „Silberrücken“ im Verein, Uwe Kleemeier.

Selbst beim Schrei, der sich nur beim ersten Mal komisch anfühlt, hören die Trainer genau hin: Ist er eines Karateka würdig? Nicht zuletzt, gibt Görtler zu bedenken, gibt die Kampfkunst auch Sicherheit. Nicht umsonst laufen beim Budo SV Kalletal die Selbstverteidigungskurse gut. „Zählt Technik gegen Raufbold, dann siegt Technik“, ist Vereinschef Julian Puls überzeugt und kennt zwei wichtige Tipps, um sich gegen Angreifer zur Wehr zu setzen: „Treten Sie dem Gegner auf die Zehen und kneifen Sie.“

Ein Angriffssport ist Karate keineswegs – das wird in 90 Minuten Training zweifelsohne deutlich. „Es geht beim Kampfsport in erster Linie darum, nichts abzubekommen“, sagt Uwe Kleemeier. In aggressive Duelle verwickelt sich in Hohenhausen niemand – es geht um Körperbeherrschung, Auspowern, Beweglichkeit und Krafttraining.

Wem das Ganze zu anstrengend ist, für den hat der Budo SV Ruhigeres im Köcher: Tai Chi, das ebenfalls auf fernöstlichen Kampftechniken basiert, sich laut Trainer Rudolf Schmittmann Anfang des 20. Jahrhunderts aber zum Gesundheitssport entwickelt hat. „Durch die Verbreitung von Schusswaffen waren die Verteidigungstechniken beinahe wertlos“, bekräftigt Schmittmann.

Wertlos? Angesichts der Freude, die das Ganze macht, kann ich da nur lachen…

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